Was passiert wenn Schildkröten keine Winterstarre machen

  • Schildkröten die in ihrem natürlichen Habitat eine Winterstarre machen, müssen diese auch in Gefangenschaft machen dürfen. Ermöglicht man seinen Schildkröten keine Winterstarre kommt es langfristig zu schwerwiegenden Problemen.


    Sofort wenn Schildkröten aus ihren Eiern schlüpfen und der kommende Herbst eintritt geht es für die noch jungen Tiere in die Winterstarre. Die weit verbreitete Behauptung, Jungtiere würden im ersten Jahr keine Winterstarre machen ist schlichtweg falsch und gelogen. Die Natur nimmt keine Rücksicht aufs Alter eines Tieres. Und schließlich wachen sie ja auch im Frühjahr wieder auf.


    Probleme beim Verzicht auf die Winterstarre


    Die Tiere kriegen zum Teil fürs gesamte Leben schwerwiegende Probleme die im Ernstfall bis zum Versterben führen.


    Wachstumsprobleme


    Häufig haben Schildkröten ohne Winterstarre starke Wachstumsprobleme. Nicht nur die schnell entstehenden Höcker sind das Problem, sondern auch die viel zu stark wachsenden Organe und etwaige Fettleibigkeit. Die Ernährung ist ein sehr wichtiger Bestandteil der naturnahen und artgerechten Haltung. Im Winter nimmt eine Schildkröte keine Nahrung auf. Sie befindet sich eigentlich in der Winterstarre. Tiere im Terrarium oder Gewächshaus die ganzjährig wach sind kriegen davon aber nichts mit. Sie fressen ihren Löwenzahn und anderes Futter eifrig weiter. Dadurch wachsen die Tiere aber auch über ihre natürlichen Bestimmungen hinaus weiter. Das Wachstum geht deutlich zu schnell. Wir sprechen hier u.a. von „Dampfaufzuchten“.


    Zitat


    Als Beispiel: Eine ganz normal gehaltene Griechische Landschildkröte wiegt im Alter von drei Jahren zwischen 120 und 150 Gramm. Abweichungen sind kein Problem wenn sie gering sind. Im gleichen Alter kann eine falsch ernährte Schildkröte die ebenfalls keine Winterstarre macht auch schon über 700 Gramm wiegen. Die Tiere leiden meistens an Organschäden und sind fett.


    Im Winter hat man meistens keine natürlichen Futtermittel. Alle wertvollen Wildkräuter und Wildblumen haben sich verabschiedet. Was bleibt sind Salate aus dem Supermarkt und Sticks aus der Tierhandlung. Solches Futter ist aber für Schildkröten nicht gesund. Sie sollten nicht von Eisbergsalaten, Gurken und schlimmsten Falls von Futter-Sticks ernährt werden. In diesem Futter befindet sich oft zu viel Protein und die Tiere werden dick, wachsen zu schnell und landen beim Tierarzt. Wird das Tier dann auch noch in einem Terrarium gehalten und sogar täglich gefüttert sind Verformungen am Panzer keine Seltenheit mehr.


    Um Schildkröten zu schaden genügt bereits ein einziger Winter. Die Organe können schnell verfetten und Wachstumsschäden sind vorprogrammiert und nicht mehr zu behandeln.


    Ausreden gegen die Winterstarre


    Halter meinen gerne ihre Tiere seien noch zu jung für eine Winterstarre. Dieses Argument entkräftet die Natur. Eine weitere Ausrede ist es, wenn Tiere frisch gekauft wurden und diese bisher nie eine Winterstarre gemacht haben. Hier wird sogar von vielen laienhaften Tierärzten manchmal von der Starre abgeraten.


    Genetisch bedingt sind die Tiere aber für die Winterstarre gemacht und vorbereitet. Es muss nur die Temperatur ausreichend sinken und schon setzt die Winterstarre ein. Jede Schildkröte sollte sofort zur richtigen Jahreszeit in die Winterstarre gehen. Auch wenn es der Vorbesitzer vielleicht nicht tat.


    Ausnahmen bilden kranke Tiere


    Wurde ein Tier ärztlich mit einem negativen Befund ausgestattet und muss behandelt werden, fällt die Winterstarre weg. In der Natur würde man zwar auch keine Rücksicht nehmen aber dort sterben dann kranke Tiere häufig. Da wir ja doch von unseren „wilden Haustieren“ sprechen wollen wir ein Sterben selbstverständlich vermeiden. In solchen Fällen kommt die Schildkröte in ein Frühbeet oder Gewächshaus und wird bei milden Temperaturen versorgt. Frische Wildkräuter sind dann aber ebenfalls wichtig und sollten in einem Gewächshaus oder im eigenen Haus gezüchtet werden.


    Tiere die krankheitsbedingt im Haus gehalten werden müssen, sollten in einem Holzterrarium oder einem offenen Bereich gehalten werden. Bitte verwende keine Glasterrarien und auch keine kleinen Transportboxen. Die Tiere brauchen so viel Platz wie möglich und sollten sich gut bewegen können. Unterschlupf, Wassersteller und Wärmelampe sind unverzichtbar.


    Sterberaten ohne Winterstarre


    Schildkröten die keine Winterstarre machen haben eine deutlich größere Sterberate. Auch zu kurze Winterstarren von weniger als drei Monaten führen zu einer höheren Sterberate. Eine Studie mit 1.600 Teilnehmern in Frankreich hat dieses Thema näher beleuchtet.


    Die Sterberate bei frisch geschlüpften Tieren die keine Winterstarre machen dürfen, liegt im ersten Jahr bei 23 Prozent. Bei Tieren die ein bis zwei Monate starren ist die Sterberate nur noch bei 9,5 Prozent. Und wer drei und mehr Monate eine Winterstarre erlaubt senkt das Risiko auf 3,2 Prozent.


    Schildkröten die bereits 1 bis 5 Jahre alt sind haben andere Zahlen. Hier sterben Tiere ohne Winterstarre zu 14,7 Prozent. Wer immer nur ein bis zwei Monate Starrezeit hat kommt auf 6,45 Prozent und nur noch 2,69 Prozent der Tiere die drei und mehr Monate starren, sterben am Ende dieser oder im gleichen Jahr.


    Für ältere Schildkröten gilt die Winterstarre weiterhin als vorsorgliche und natürliche Maßnahme für ein langes Leben. Wer die hundert Jahre erreichen und übertreffen möchte sollte sich jedes Jahr in die Winterstarre begeben.


    Fazit


    Bitte ermöglicht euren Tieren jährlich die wichtige Winterstarre. Nur so werdet ihr viele Jahrzehnte mit euren Tieren erleben. Lasst euch dabei auch nicht von ungeschulten Tierärzten bequatschen oder gar von Freunden auf den falschen Pfad bringen. Die komplett falsche Anlaufstelle sind meistens Tierhandlungen. Bittet dort nicht um Rat sondern ruft einen auf Reptilien spezialisierten Tierarzt an. Viele Fragen bei denen es keiner Ferndiagnose bedarf sind auch über Foren und andere Kanäle zu klären.


    Buchtipp zur Winterstarre


    Thorsten Geier hat mit seinem Verlag das Buch „Winterstarre bei europäischen Landschildkröten“ geschrieben. Ich habe dieses Buch selbst vorliegen und mehrfach gelesen. Die Lektüre kann ich jedem Halter empfehlen. Sie erklärt die Winterstarre und ihre Dringlichkeit sehr genau. Thorsten gibt wichtige Hinweise wie man Winterstarre naturnah und sicher durchführen kann. Es ist durchaus als „Handbuch“ für die Winterstarre zu bezeichnen.


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